Endabrechnung
Noch einmal zücke ich meinen virtuellen Notiz-Block, um meine persönliche Schlussbilanz zu ziehen, bevor ich den Blech-Blog auf Carolinas Homepage ad acta lege.
Nach fünfzig Jahren, in denen ich durchgehend(!) immer zumindest für eine meiner beiden Verbindungen KÖML Tegetthoff und KÖL Carolina als Charge und/oder Funktionär tätig war, ist es für mich an der Zeit einmal einen Blick in meinen persönlichen Rückspiegel zu werfen und die Logbuch-Eintragungen meines Couleurlebens so kurz wie möglich zusammenzufassen. Meine Laufbahn begann im Jahr 1973, genau einen Tag nach meinem 16. Geburtstag, mit der Reception bei Tegetthoff. Nach der damals üblichen Fuchsenzeit von mehr als zwei Semestern wurde ich im Herbst 1974 geburscht und übernahm meine erste Charge als Consenior. Gleich im nächsten Semester wurde ich zum Senior gewählt und hatte die große Ehre den festlichen Kommers anlässlich des 50. Stiftungsfestes zu schlagen, was mir laut den Aussagen meiner Bundesbrüder ausgezeichnet gelungen sein soll. Von damals bis heute war dies übrigens das einzige runde Stiftungsfest der Mittelschul-Verbindung Tegetthoff, bei dem das Präsidium tatsächlich von Mittelschülern gestellt wurde. Im darauffolgenden Jahr 1976 absolvierte ich meine Matura und trat im November als Reaktivierungsbursch der KÖL Carolina bei. Deren Reaktivierung wurde unter starker Beteiligung von Alten Herren der Tegetthoff, gemeinsam mit einigen Josephinen, betrieben. Die Hoffnung, dass weitere Bundesbrüder nach der Matura als Studenten von Tegetthoff zu Carolina gehen würden, hat sich jedoch nie erfüllt, ich blieb bis dato der einzige. 1977 konnte ich nach sechs Semestern meine Chargentätigkeit für TEW beenden, um mich ab 1978 auf meine Aktivenchargen bei Carolina, wo ich in weiteren elf Semestern alle Stationen vom Senior bis zum Fuchsmajor durchlaufen habe, konzentrieren zu können.
Im Wintersemester 1977/78 kam es noch zu einem anderen, für mich „folgenschweren“ Ereignis: Der damalige TEW-Senior beschloss die Verbindungszeitung zu übernehmen und beauftragte mich, ein neues Bild für den Zeitungskopf unter Beibehaltung des Namens des bisherigen Mitteilungsblattes zu zeichnen. Da dessen Herausgeber jedoch nicht wollte, dass die Verbindungszeitung unter dem alten Namen erscheint, wurde „Tegetthoffs Bordjournal“ (auch „Bo-Jo“ genannt) gegründet. Gemeinsam mit zwei anderen Bundesbrüdern wurde ich zu den ersten Redakteuren der neuen Verbindungszeitung gewählt und war unter anderem für das Layout und nachhaltig für die graphischen Gestaltung verantwortlich. Nach einem Jahr übergaben wir das neue Medium der TEW an das nächste Redaktionsteam. Da mein Interesse an der Zeitungsgestaltung geweckt worden war, setzte ich meine journalistische und graphische Tätigkeit fort, indem ich mich an der Gründung von „Carolinas Nachrichten“, kurz „Caro-As“ beteiligte und diese Verbindungszeitung viele Jahre lang weiterführte. Apropos „Graphik“: Aufgrund meines „künstlerischen“ Couleurnamens hatte man mir bei Tegetthoff schon als Fuchs nahegelegt, mich um das Budenbuch zu kümmern. So kamen im Lauf der Jahre sicher mindestens 300 Zeichnungen oder Collagen für Tegetthoff und mehr als 400 Veranstaltungsbilder für Carolinas Budenbuch zustande. Ein großer Teil davon war aus meiner eigenen Sicht eher einfach gestaltet, aber zumeist bunt und jedenfalls schöner als ein leerer Platz vor den Unterschriften. Dennoch wurde diese Tätigkeit von den meisten Bundesbrüdern nur dann bemerkt und gewürdigt, wenn ich einmal NICHTS gezeichnet hatte. Aber da sich viele Verbindungsveranstaltungen jährlich oder gar jedes Semester wiederholen, fiel mir irgendwann wirklich kaum mehr etwas Neues ein, weshalb ich das Illustrieren der Budenbücher schon vor einiger Zeit weitgehend aufgab und nur mehr fallweise zu besonderen Anlässen wieder aufleben ließ.
Nach der Beendigung meines Studiums mit der Sponsion im Herbst 1981 fing ich im darauffolgenden Jahr zu arbeiten an, doch auch während der gesamten Phase meiner Berufstätigkeit kam die Verbindung nie zu kurz. Obwohl ich in der Privatwirtschaft tätig war, wo sehr großer Wert auf Leistung und Erfolge gelegt wurde, nahm ich mir immer genug Zeit, um meine Chargen und Funktionen bei Carolina auszuüben und die Veranstaltungen der Tegetthoff – die früher über eine große Aktivitas und viele aktive Alte Herren verfügte und daher meine Mitarbeit nicht benötigte – zu besuchen. Als „Buchhalter“, wie manche Menschen meinen ehemaligen Beruf des Steuerberaters abfällig bezeichneten, war ich für die Charge des Kassiers prädestiniert, welche ich bei Carolina schon seit 1983, zuerst in der Aktivitas und wenig später auch als Ph-xxxx bzw. als Gesamtverbindungs-Kassier bis jetzt mit wenigen Unterbrechungen ausübte. Vom WS 2002/03 bis zum SS 2011 war ich jedoch für drei Amtsperioden stattdessen Philistersenior der Carolina. So schlecht dürfte ich auch diese Charge nicht ausgeübt haben, da mir schon gegen Ende der ersten Amtszeit im Mai 2005 die Würde eines „Doctor cerevisiae et vini“ verliehen wurde. Im WS 2007/08 begann zusätzlich meine Zeit als Kassier der Tegetthoff und diese Charge hatte ich parallel zu meinen Aufgaben bei Carolina bis vor kurzem inne. Ich darf nicht ganz ohne Stolz festhalten, dass es mir gelungen ist, die finanzielle Basis beider Korporationen während meiner Amtszeit nicht nur zu sichern, sondern erheblich zu verbessern.

Doch nochmals zurück zum Jahr 1981. Das für mich viel bedeutendere Ereignis als mein Studienabschluss fand schon im Jänner dieses Jahres statt: Auf der Tegetthoff-Bude lernte ich bei einem Carolinen-Gschnas die Tochter eines Bundesbruders Carolinae kennen, in die ich mich sofort verliebte. Nach drei Jahren fand in der Karlskirche unsere Couleurhochzeit statt, in deren Anschluss wir auf die Bude zu einer „standesgemäßen“ Agape mit Kaffee, Biskuit und Krambambuli einluden. Für ihre jahrelange Unterstützung erhielt meine Gattin Elisabeth im Jahr 1986 nach dem 50. Stiftungsfest eine Couleurbrosche verliehen, die damals von Carolina erstmals vergeben wurde. Nach der Bundestagung 1990 in Klosterneuburg, bei der Carolina den Vorsitz im Akademischen Bund der KÖL innehatte, wurden im Jahr 1991 weitere Broschen verliehen, aber da Elisabeth diese schon hatte, erhielt sie stattdessen von der Verbindung noch einen Sektzipf als Ergänzung zur Brosche. Nach meiner Amtsübernahme bei Tegetthoff im Jahr 2007 nahm meine Frau – im Gegensatz zu vielen anderen – nicht nur weiterhin als meine Begleitung an den Veranstaltungen teil und unterstütze mich bei meinen „Homeoffice“-Tätigkeiten, z.B. als Korrekturleserin der Verbindungszeitung, sondern sie half mir auch bei meiner „Nebentätigkeit“ als Kombüsenwart der Tegetthoff beim Einkauf der Getränke und Transport der Bierkisten auf die Bude und sorgte des Öfteren für das leibliche Wohl der Bundesbrüder. Für die beständige Unterstützung aller meiner Verbindungsaktivitäten bin ich ihr sehr dankbar und auch Tegetthoff würdigte ihr Engagement im Oktober 2013 mit der Ernennung zur Couleurdame und der damit verbundenen Verleihung einer Couleurbrosche. Als Couleurnamen wählte sie Margarethe, in Erinnerung an ihre Großtante, die Schwester von wld. Hans Pittioni vlg. Wiegand und Gattin von wld. Univ.Prof. Dr. Willibald Plöchl vlg. Dr.cer. Ulfilas, zweier unserer Gründer.
Nachdem ich zusätzlich zu meinen Chargen seit 2002 alleiniger Verbindungsredakteur der Carolina und seit 2008 auch alleiniger Verbindungsredakteur der Tegetthoff war, beschloss ich 2012 das Caro-As mit dem Bordjournal zusammenzulegen und als gemeinsame Verbindungszeitung herauszugeben. Im November 2014 wurde mir auch von Tegetthoff die Würde eines „Doctor cerevisiae et vini“ verliehen. Doch ich ruhte mich auf meinen Lorbeeren nicht aus und arbeitete in der folgenden Zeit bis heute bei beiden Verbindungen – sofern man mich ließ – unermüdlich weiter, zumal gerade in den letzten zehn Jahren die Bereitschaft anderer Bundesbrüder Aufgaben zu übernehmen oder auch nur am Verbindungsleben teilzunehmen äußerst gering war. Wenn ich nun meine Schlussbilanz ziehe, komme ich in den 106 Semestern als Tegetthoffer auf 37 Chargensemester und (großteils parallel dazu ausgeübte) 38 Semester als Redakteur der Verbindungszeitung. Das ergibt zusammengerechnet 75 Amts-Semester für TEW, „Kleinigkeiten“ – wie VG-Beisitzer, Kassaprüfer, GO-Kommissionsmitglied, Kombüsenwart oder „primus inter pares“ der Stiftungsfest-Kommission – gar nicht mitgerechnet. Als Caroline hatte ich während meiner 98 Semestern Zugehörigkeit durchgehenden immer zumindest eine Funktion inne und komme auf 85 Chargensemester und 75 Semester als Verbindungsredakteur, also gesamt sogar auf 160 Semester der aktiven Mitarbeit am Verbindungsleben. Für beide Korporationen zusammengerechnet ergibt das insgesamt 235 Semester als Charge und Funktionär in rund fünfzig Jahren. Mag sein, dass sich manche anderswo Auszeichnungen oder Titel verdient haben, aber in der Blechturmgasse 20 hat mir das vermutlich kaum jemand vorgemacht und ich bezweifle, dass es mir jemand nachmachen wird. Würden alle Berufstätigen so lange arbeiten, gäbe es vermutlich kein Problem mit der Finanzierung unserer Pensionen. Aber auch das unentgeltliche Engagement für meine beiden Verbindungen muss einmal ein Ende haben und die lange Zeit meiner Aktivitäten gibt mir wohl das Recht in den Ruhestand zu gehen. Es ist jedoch nicht so, dass ich keine Lust mehr hätte Carolina im kommenden Jahr des 90. Stiftungsfestes weiterhin aktiv zu unterstützen, wie ich es geschworen habe, und ich hätte auch einige Ideen dafür, wie man auch als kleine Verbindung würdig feiern könnte, aber ich will niemanden im Wege stehen und vermeiden, dass die Missstimmung, die über den Kellergang kriecht, noch weitere Kreise zieht und unsere kleine Korporation daran als Kollateralschaden endgültig zugrunde geht.
Daher lege ich auch meine Tätigkeit als Herausgeber, Redakteur und Autor von „DDr.cer. Raffaels BLECH-BLOG“ (vormals „Der BLECH-BOTE“) nach sechs Jahren mit 60 Ausgaben und 280 Beiträgen – von denen in Ermangelung von Unterstützern etwa 75% von mir selbst gestaltet waren – freiwillig zurück, bevor die Beschränkung der Meinungsfreiheit und Zensur, von der man glaubt, es würde sie nur in (post)kommunistischen und pseudo-demokratischen Diktaturen geben, auch auf Carolina übergreift. Wer jetzt aber hofft, er wird nichts mehr von mir hören bzw. lesen, freut sich zu früh. Ich lasse mich nicht mundtot machen und beabsichtige meine journalistische Tätigkeit, die 1977 begonnen hat, in geänderter Form und ohne Veröffentlichung auf einer Verbindungshomepage, fortzusetzen.
DDr.cer. Raffael
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P.S. des Wärters der Homepage:
Was Autoren hier geschrieben haben, wird nicht immer die Zustimmung aller Leser erworben haben. Aber gerade was Widerspruch hervorruft oder die eigene Weltsicht nicht spiegelt ist das, was uns weiterbringt. Das sind die Texte, über die wir reden, die uns zum Austausch anregen. Denn Austausch sollte unserer Verbindung in den Genen stecken, nennen wir uns doch „akademisch“. Diskurs bringt uns weiter, öffnet unseren Blick und verhindert, dass sich ein Weltbild formt, in dem nur mehr das gültig ist, was der eigenen Meinung entspricht. Leider entsteht manchmal der Eindruck, dass Argumente mit Wut und Macht so laut durchgesetzt werden, dass andere Ansichten übertönt und damit auch überhört werden.
Möge die Meinungsvielfalt, selbst mit leisen Tönen, auch weiterehin auf den Seiten unserer Carolina Platz finden. Das ist meine Einladung an meine Bundesbrüder, aber auch an die Leser unserer Homepage, sich am Diskurs zu beteiligen, denn
mit Namen gekennzeichnete Artikel geben die Meinung des Autors wieder.
Dr.cer. Archimedes
