Blech-Blog

Handschlag-Qualitiät

Die Bräuche und Rituale einer Gesellschaft unterliegen einem stetigen Wandel. Das gilt auch für unsere couleurstudentischen Zeremonien, wie sie zuletzt bei der Semesterschlusskneipe gepflogen wurden.

Handschlag

Die Hände sind sehr wichtige Körperteile des Menschen. Sie können streicheln, aber auch brutal zuschlagen. Sie können nutzbringende Arbeiten verrichten oder mit Waffen Schaden zufügen. Daher hat sich wahrscheinlich schon zu Urzeiten der Brauch entwickelt, dass sich fremde Menschen, die miteinander in Kontakt treten wollen, gegenseitig ihre leeren Handflächen zeigten, um zu beweisen, dass sie unbewaffnet sind und in friedlicher Absicht kommen. Daraus hat sich angeblich im Orient die Gepflogenheit entwickelt einander zur Begrüßung die Hände zu reichen. Doch es gibt regionale und kulturelle Unterschiede. Während diese Grußform in der westlichen Welt bis vor kurzem allgemein üblich war, ist sie z.B. im arabischen und indischen Raum auf gleichgeschlechtliche Personen beschränkt, während in China oder Japan stattdessen nur eine höfliche Verbeugung ohne Körperkontakt gebräuchlich ist. Eine besondere Bedeutung kam dem Handschlag in früheren Zeiten insbesondere im ländlichen Raum zu. Da die meisten Menschen nicht lesen und schreiben konnten, wurden Verträge wie z.B. der Kauf bzw. Verkauf von Vieh oder auch von Grundstücken dadurch besiegelt, dass sich die Vertragsparteien in die Handfläche spukten bevor sie einschlugen. Auch heutzutage haben mündlich abgeschlossene Verträge Gültigkeit, sie werden aber danach meistens zu Beweiszwecken verschriftlicht, wenn es sich um Bestandsverhältnisse oder andere längerfristige Vereinbarungen handelt, welche nicht Zug um Zug durch Übergabe und Bezahlung erledigt werden können. Doch es kommt auch vor, dass manche Menschen nicht zu ihrem Wort stehen, also keine Handschlag-Qualität besitzen.

Der oben beschriebene Handschlag zur Vertragsbesiegelung ist aus hygienischer Sicht bedenklich. Auch das normale Händeschütteln ist durch die Corona-Pandemie und die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen zur Eindämmung dieser Seuche etwas aus der Mode gekommen. Sogar die Handreichung zum Friedensgruß im Gottesdienst war vorübergehend verboten und wurde durch eine fernöstlich anmutende Verbeugung ersetzt.  Manche Menschen haben diese Form in der Kirche oder als Begrüßung im Allgemeinen beibehalten. Schließlich gilt es als medizinisch erwiesen, dass mit den Händen mehr Krankheitserreger übertragen werden, als mit Wangenküssen. Apropos: Auch das Küssen als Begrüßungsritual hat eine lange Tradition. Am bekanntesten ist wahrscheinlich der Kuss von Judas, mit dem er Jesus an die Wachen der Hohepriester verraten hat. Als Zeichen der Unterwerfung wurden die Ringe von Bischöfen oder gar die Stiefel mancher Herrscher geküsst. Viel später wurde das Umarmen und Küssen von Anhängern der Arbeiterbewegung praktiziert, woraus sich laut Wikipedia der Bruderkuss der kommunistischen Genossen entwickelt hat. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war das öffentliche Küssen von Personen des anderen Geschlechtes auf den Handkuss beschränkt und alle intimeren Formen waren dem Privatbereich von Liebenden vorbehalten. Während damals Begrüßungsküsse nicht einmal in der eigenen Familie üblich waren, hat sich in den letzten Jahrzehnten mit der Lockerung der Sitten das Begrüßungsbusserl in breiten Teilen der Gesellschaft etabliert. Nicht nur die Seitenblicke-Promis, sondern  auch Spitzenpolitiker begrüßen einander vor laufenden Kameras mit Bussi-Bussi, wobei sich mitunter die Frage stellt, ob diese Geste nicht eher ein Unterwerfungs- oder gar ein Judaskuss ist.

Philistrierung

Auch in der Studentenverbindung  kommt der Bruderkuss im Aufnahmeritual der Reception vor. Eine noch größere Bedeutung hat aber der Handschlag, der auch bei vielen anderen Zeremonien, wie z.B. Bandverleihungen oder Philistrierungen verwendet wird, um die Treue zur Korporation zu geloben. Bei der Semesterschluss- bzw. –wechselkneipe am 31.1.2024 hatten wir wieder einmal Gelegenheit diese couleurstudentischen Bräuche zu erleben. Doch es dauerte ein wenig, bis der Abend in Gang kam. Da der hohe TEW-Phil-x Lucullus den ganzen Tag im Dienste des Vaterlands im Einsatz war, kam er erst spät, direkt von der Arbeit, in seiner schneidigen Offiziersuniform auf die Bude und musste sich zuerst mit einem Paar von ihm selbst eingekauften Würsteln stärken, da ihm ein Mittagessen verwehrt geblieben war. Danach tauschte er seine elegante Uniformjacke gegen einen Flaus und eröffnete die Kneipe, die – wie bei uns üblich – mit 19:45 c.t. ausgeschrieben war, verspätet nach drei akademischen Vierteln um 20:30 Uhr. Der Besuch war gut und da neben den Tegetthoffern und Carolinen auch einige unserer Nachbarinnen von e.v. C.oe.a.St.V. Elisabethina anwesend waren, war das „Couleurzentrum Blechturmgasse“ wieder einmal komplett vertreten. Eine schon lange ersehnte Reception gab es leider auch diesmal nicht, weshalb der einzige aB (d.h. in seinem Fall „alter Bursch“) Bb Dante der einzige Aktive in unserer Altherren-Runde war. Aber auch das sollte sich ändern. Mit dem Cantus „Reicht von der Wand mir dort hernieder“, in dessen vierter Strophe es heißt: „… wem wir den Bruderkuss gegeben, der soll uns ewig Bruder sein!“, wurde die Philistrierung eingeleitet. Nach den launigen Worten seines präsidialen Leibburschen gelobte Dante mit Handschlag stets weiterhin treu zu Tegetthoff zu stehen. Nur etwa eine Stunde nach dem Beginn ging das Officium mit dem Letzten Allgemeinen zu Ende und es folgte ein gemütliches Beisammensein. Es war eine sehr gelungene Veranstaltung und es freut mich, mit Dante ein neues Mitglied mit Handschlag-Qualität in den Reihen der Altherrenschaft begrüßen zu dürfen.

Text und Bilder: DDr.cer. Raffael

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