Blech-Blog

In Würde altern

Die Menschen werden immer älter, was unseren Sozialstaat vor immer größere Herausforderungen stellt. Das Altern von Vereinen ist hingegen zumeist nur ein Grund zum Feiern.

Nicht wenige Menschen haben Angst davor alt zu werden bzw. alt zu sein. Doch der einzige Ausweg – jung zu sterben – ist auch nicht besonders erstrebenswert. Es gab immer wieder prominente Personen, die infolge ihres frühen Todes in der kollektiven Erinnerung „für immer jung“ geblieben sind. Der italienische Renaissance-Maler Raffaelo Santi ist an seinem 37. Geburtstag verstorben, sein späterer österreichischer „Kollege“ Egon Schiele wurde Ende Oktober 1918 (also knapp zwei Wochen vor dem Untergang der österreichischen Monarchie) mit nur 28 Jahren Opfer der Spanischen Grippe und Kaiser Karl I. erlag vier Jahre danach, im 35. Lebensjahr, aufgrund der schwierigen Lebensumstände in seinem Exil auf Madeira, einer Lungenentzündung. Der als Falco berühmte Musiker Hans Hölzel verunglückte kurz vor seinem 41. Geburtstag bei einem Autounfall. Er wurde im selben Jahr wie ich geboren und wohnte als Kind nur wenige Häuser von mir entfernt, ohne dass wir einander je kennengelernt haben. Ich beneidete ihn weder um seinen künstlerischen, noch um den sicher auch wirtschaftlichen Erfolg, sondern bin dankbar dafür, im Gegensatz zu den obigen, bewusst sehr unterschiedlich gewählten Beispielen, noch am Leben zu sein.

Heutzutage versuchen manche Menschen dem Altern mit Hilfe der modernen Medizin und Kosmetik ein Schnippchen zu schlagen, was nur sehr wenigen wirklich gelingt, wie man anhand der Bilder von diversen alternden Stars in der Klatschpresse unschwer erkennen kann. Erschreckend ist für mich, dass sich angeblich auch schon viele Jugendliche unters Messer legen, um sich irgendwelchen vermeintlichen Schönheitsidealen anpassen zu lassen. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie sich diese Eingriffe im Lauf der Jahre entwickeln und befürchte, dass sich manche Betroffene später zu Halloween die Verkleidung ersparen können. Früher gab es noch weniger Möglichkeiten, um den sichtbaren Zeichen des Älterwerdens zu entgehen. Daher entschloss sich Kaiserin Elisabeth bekanntlich dazu, nach ihrem 40. Geburtstag keine Fotos mehr von sich machen zu lassen, und sie versteckte ihr Gesicht in der Öffentlichkeit gerne hinter einem Fächer. Wirklich alt zu werden war ihr aber leider auch nicht vergönnt bzw. blieb ihr erspart, da sie im 61. Lebensjahr ermordet wurde. Im Gegensatz zu ihr erreichten Kaiser Franz Joseph I. (86), Kaiserin Zita (97) und unser ehemaliger Oberster Bandinhaber SKH Erzherzog Otto, der in seinem 99. Lebensjahr verstarb, in Würde ein hohes Alter.

Die Sorge vor dem Altern ist zweifellos durch die damit oft einhergehenden Begleiterscheinungen begründet. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist in den letzten Jahrzehnten konstant gestiegen und bringt es mit sich, dass immer mehr Menschen im Alter an schweren physischen oder psychischen Erkrankungen leiden. Parallel dazu gibt es aufgrund der demographischen Entwicklung aber weniger Menschen, welche die Kranken betreuen können. Viele Nachkommen sind aus beruflichen Gründen gar nicht in der Lage und oft auch weder willens, noch dazu befähigt, sich selbst um pflegebedürftige Angehörige zu kümmern, aber sie können sich eine 24-Stunden-Pflege zu Hause nicht leisten. Sofern die Betroffenen nicht selbst finanziell vorgesorgt haben und sich nicht rechtzeitig einen Platz in einem privaten Heim gesichert haben, wird es problematisch. In den öffentlichen Einrichtungen reicht die vorhandene Kapazität bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken und auch die verschiedenen Sozialhilfe-Einrichtungen verfügen über viel zu wenig Personal, um eine zufriedenstellende Betreuung aller Pflegebedürftigen zu gewährleisten. Dass mit KI ausgestattete Pflegeroboter wirklich ein Ersatz für menschliche Fürsorge sein können, wage ich zu bezweifeln. Abgesehen davon stellt sich auch die Frage, ob Erkrankte, die für alle menschlichen Grundbedürfnisse auf fremde Hilfe angewiesen sind, diese Einschränkungen auch in Demut hinnehmen wollen. Aus diesem Blickwinkel heraus ist es nachvollziehbar, dass manche ihr Leben selbstbestimmt beenden wollen, wie dies ein bekannter Pädagoge und Autor vor kurzem getan hat, um nicht unwürdig dahinzusiechen und anderen dadurch zur Last zu fallen.

Doch wenden wir uns lieber erfreulicheren Gedanken zu. Nicht nur Menschen, sondern auch juristische Personen bzw. Organisationen wie z.B. Unternehmen oder Vereine altern und das ist in der Regel ein Grund zum Feiern. Im Unterschied zu manchen Dragonerregimentern, Schützenkorps oder (Ritter)Orden, die den Eindruck einer langen Tradition erwecken wollen, aber erst in der zweiten Hälfte des 20. oder gar erst im 21. Jahrhundert nach alten Vorbildern neu gegründet wurden, verfügen Studentenverbindungen in Österreich tatsächlich über eine mehr als 160-jährige Tradition (siehe Blech-Blog „Kaisertreu“ vom 19.8.2025). Sogar die ältesten Landsmannschaften sind mehr als 100 Jahre alt. Die Zahl „100“ ist eine mathematische Besonderheit. Sie ergibt sich im Dezimalsystem nicht nur als Quadratzahl aus Zehn mal Zehn, sondern ist auch die Summe der ersten vier Kubikzahlen sowie ebenfalls die Summe der ersten neun Primzahlen. Die „runde“ Zahl Einhundert gilt auch als Symbol für Ganzheit und Vollendung. Deshalb wir das Erreichen dieses magischen Alters üblicherweise sowohl von natürlichen, wie auch von juristischen Personen groß gefeiert.

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Festsaal im Haus der Bäcker-Innung

Die KÖML Tegetthoff feierte die 100. Wiederkehr ihres Gründungstages bereits im heurigen Mai. Etwas weniger Glück mit ihrem 100er hatte dagegen e.v. KÖStV Normannia. Diese wäre bereits 2020 so alt geworden, musste aber damals die groß angelegte und lange geplante Jubiläumsfeier coronabedingt leider absagen. Dessen ungeachtet blieb sie ihrer Tradition nur alle fünf Jahre ein Stiftungsfest zu feiern treu und holte den Kommers nicht im Folgejahr nach. Dafür wurde heuer am 24. Oktober 2025 das 105. Stiftungsfest groß gefeiert. Der Kommers wurde im Festsaal der Bäckerinnung geschlagen, den ich bis dahin nicht kannte. Der hohe, zur Gänze holzgetäfelte Raum reicht nach oben bis zum prächtig verzierten, offenen Dachstuhl und erweckte in mir den Eindruck älter als der Saal, in dem der Kommers der Tegetthoff geschlagen wurde, zu sein. Erst zu Hause habe ich in meinem Lexikon der Wiener Baukunst nachgeschlagen und herausgefunden, dass dem nicht so ist. Das Palais Eschenbach wurde 1870 im Stil der italienischen Renaissance errichtet. Das straßenseitige Haus der Bäckerinnung in der Florianigasse stammt zwar aus dem 18. Jahrhundert, der Hoftrakt, in dem sich der Festsaal befindet, ist hingegen wesentlich später errichtet und erst 1898 fertiggestellt worden. Da dieses Gebäude jedoch im Stil der norddeutschen bzw. flämischen Renaissance gestaltet wurde, wirkt es älter als es ist.

Doch zurück zum Kommers. Wie in den Normannen-Stimmen (Ausgabe 2/2025) schon vorab zu lesen war, wurde „schon mehrere Jahre zuvor eine ‚Stiftungsfestkommission‘ gewählt, die sich um den organisatorischen Teil kümmert, das Budget aufstellt, auf seine Einhaltung achtet und gegenüber dem BC für überhaupt alles in dem Zusammenhang Rechenschaft abliefert.“ Das mag für die meisten wenig überraschend erscheinen und ist genau das, was ich mir andernorts auch – leider vergeblich – erwartet habe. Die Organisatoren der Normannia haben in die Vorbereitungen „viel Zeit und Herzblut“ investiert, damit ihr Stiftungsfest den Anwesenden in Erinnerung bleibt und das ist bestens gelungen. Das Logo des Stiftungsfestes war nicht nur auf den Bierdeckeln zu finden, sondern wurde von den Einladungen bis zum Kommersprogramm einheitlich durchgezogen. Der gesamte Ablauf war perfekt. Beim Einzug passte die Musik, bei der völlig fehlerfreien Begrüßung wurden unter anderen die anwesenden Doctores cerevisiae der eigenen Korporation stellvertretend für alle verdienten Bundesbrüder gebührend gewürdigt, und die Cantus-Auswahl enthielt neben dem üblichen „Pflichtprogramm“ auch zwei mir unbekannte, aber sehr passende und gut singbare Lieder. Kb Raphael (BOW) hielt eine hervorragende, pointierte Rede, in der er unter anderem auf die Veränderungen im Laufe der Geschichte und deren Auswirkungen auf das Couleurstudententum einging.

Vor dem Kommers und auch in den Colloquien konnten sich alle anwesenden Teilnehmer kostenlos mit beliebig vielen Getränken versorgen und bei einem reichlichen, kalten Buffet laben, das aus Fleischlaberl- und Schnitzelsemmeln sowie aus Punschkrapferln, in Verbindungsfarben glasiert, als Nachspeise bestand. Dafür wurde vom Präsidium während der Veranstaltung um großzügige Deckelspenden gebeten, welche meiner Einschätzung nach vermutlich wesentlich mehr zur Kostendeckung beitrugen, als ein umständliches Verrechnungssystem mit Biermarken und Essensjetons. Obwohl beim Kommers keine couleurstudentischen Zeremonien vorgesehen waren und die Colloquien, wie vom Präsidium angekündigt, relativ kurz gehalten wurden, dauerte das Officium mehr als drei Stunden. Auch Tegetthoff war am Präsidium von unserem Senior Napoleon, der beim Ein- und Auszug gute Figur machte, würdig vertreten. Zusätzlich waren von Tegetthoff und Carolina je fünf Alte Herren anwesend, von denen drei Doppelmitglieder waren. Insgesamt war die Besucherzahl vermutlich etwas geringer als bei Tegetthoff, weil unter den Kommersteilnehmern vorwiegend Kartellbrüder von Freundschaftsverbindungen und scheinbar weniger „Zaungäste“ anwesend waren. Alles in allem ein sehr gelungenes Fest!

Tags darauf fand eine gänzlich anders gestaltete Feier statt. Die KÖL Carolina beging ihr 89. Stiftungsfest am 25. Oktober 2025 in kleinem Rahmen auf der eigenen Bude. Ab 2010 hatte Tegetthoff ihr Stiftungsfest vom Sommersemester in den Herbst verlegt und gemeinsam mit Carolina geschlagen. Insbesondere die fünf runden bzw. halbrunden Jubiläen in den letzten fünfzehn Jahren waren sehr gut besucht und für beide Korporationen ein Erfolg. Dessen ungeachtet haben beide Chargenkabinette einvernehmlich beschlossen im Jahr 2025 beim Stiftungsfest getrennte Wege zu gehen. Für Carolina war es unter anderem wichtig festzustellen, wie groß das Interesse der eigenen Bundesbrüder an eigenständigen Veranstaltungen nach der langen Zeit der Zusammenarbeit noch ist, um daraus Schlüsse für das im nächsten Jahr bevorstehende 90. Stiftungsfest ziehen zu können. Das Ergebnis war ernüchternd und erfreulich zugleich. Wie am Vortag waren wieder gleich viele Alte Herren von Carolina und Tegetthoff anwesend, diesmal waren es sogar je sieben und großteils andere Bundesbrüder als bei NMW. Zusammen mit den beiden Aktiven, x Napoleon und xx1 DerChef, die dankenswerterweise für TEW chargierten, ergab das insgesamt sechzehn Kneipteilnehmer. Diese Rechnung stimmt trotz der fünf anwesenden Doppelmitglieder, da diese allesamt in Begleitung ihrer (Couleur)Damen erschienen waren. Mit einem so guten Besuch haben wir gar nicht zu rechnen gewagt, da die Mitgliederzahl der Carolina mittlerweile sehr gering ist und etliche davon aus gesundheitlichen Gründen und /oder wegen der Entfernung zum Wohnort nicht mehr an den Veranstaltungen teilnehmen können.

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Ph-xx Dr.cer. Archimedes, der die etwas andere Stiftungsfestkneipe schlug, hat sich daher auch etwas besonderes einfallen lassen. Um den Anwesenden viel Zeit für Gespräche zu geben wurden nur drei Lieder gesungen. Die Begrüßung wurde gleich zwischen die Strophen des Ersten Allgemeinen eingebaut. Als zweiter Programmpunkt wurde Carolinas Bundeslied gesungen und anstatt einer Festrede verlas Archimedes ein von ihm selbst verfasstes Märchen. Dieses handelte von einem Schrumpfkopf. Dieser war in seiner Jugend ein prächtiger Jüngling mit strahlenden hellblauen Augen, einem schwarz glänzenden Vollbart und mit blonden, in der Sonne golden schimmernden Haaren gewesen. Irgendwann wurde er jedoch von seinem Leib getrennt, sein Verfall begann und er begann zu schrumpfen. Er hat aber die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, wieder einen Körper zu finden, der ihm zu neuem Leben verhilft. Nach dieser berührenden und zum Nachdenken anregenden Geschichte folgte ein zweites ausgedehntes Colloquium, bevor das Stiftungsfest mit dem Letzten Allgemein und der Volkshymne beendet wurde. Beim anschließenden gemütlichen Beisammensein wurden das restliche von Cd Margarethe zubereitete Fingerfood und die von Archimedes mitgebrachten Süßigkeiten verzehrt. Es war eine gänzlich andere, aber durchaus stimmige und würdige Art in relativ kleinem Kreis zu feiern.

DDr.cer. Raffael

P.S.: Weitere Fotos vom Stiftungsfest Carolinae gibt es hier:

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